Projektbeschreibung
 
Westdeutschland in der Zeit zwischen 1950 und 1970. Die Jahre zwischen Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder. Es gab zu dieser Zeit ca. 3000 Kinderheime mit mehr als 200.000 Zöglingen in der BRD, die vornehmlich von der Kirche betrieben wurden. Teilweise waren es nichtige Gründe, die zur Heimeinweisung führten – Vorkommnisse, die den rigiden Moralvorstellungen der Zeit widersprachen – oft wussten die Kinder nicht, warum sie ins Heim gebracht wurden.
 
Die moralische und religiöse Charakterbildung im Heim wurde von einer Straf- und Besserungspädagogik mit Erziehungsleitsätzen wie Disziplin, Zucht, Ordnung, Arbeit und Sauberkeit bestimmt. Die Kinder bekamen in der Regel eine schlechte medizinische Versorgung, sie erhielten keine angemessene Bildung, ihnen wurden Medikamente zur Beruhigung verabreicht. Es gab Gewalt, sexuellen Missbrauch, Demütigungen und nur wenige ausgebildete Erzieher. Die Kinder wurden unter schlechten Arbeitsbedingungen als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Geschwister wurden getrennt, Freundschaften unterbunden. Staat und Kirche haben die Heime unzureichend kontrolliert.
 
Erst Ende der sechziger Jahre kamen Reformen in den deutschen Erziehungsanstalten in Gang. Mit Protesten, Demonstrationen und exemplarischen „Befreiungen“ von Heimkindern im Sommer 1969, die an vorderster Stelle von Andreas Baader und Gudrun Ensslin durchgeführt wurden, trug die Heimkampagne der APO dazu bei die Rechte der Heimkinder zu verbessern. Der Film „Bambule“, für dessen Drehbuch Ulrike Meinhof zeichnete und der die konkreten Zustände in einem Mädchenheim schildert, wird 1970 fertig gestellt, darf aber – aufgrund der politischen Ereignisse – erst Mitte der 90er Jahre erstmalig gesendet werden. Erst dann erfolgt auch die endgültige gesetzliche Festlegung der Reformen im Kinder- und Jugendhilfegesetz, welches in den westlichen Bundesländern 1991 in Kraft trat und das Jugendwohlfahrtsgesetz von 1922 ablöste.
 
Heute leben noch mindestens eine halbe, wahrscheinlich aber sogar mehr als eine Million Menschen unter uns, die zwischen 1945 und 1975 in den westdeutschen Heimen groß wurden. In unserer Zeit, in der wieder verstärkt über verwahrloste Kinder, Erziehungsnotstände und geschlossene Heime diskutiert wird, geben Katia Kloses beeindruckende Porträts und Interviews wertvolle Informationen und Eindrücke von den lebenslangen Auswirkungen rigider Erziehungsmethoden auf den einzelnen Menschen sowie die Gesellschaft als Ganzes.